Am 4. Dezember 2006 befand ich mich auf dem Weg zur Arbeit. Immer die gleiche Strecke, in etwa immer die gleiche Zeit nur dieses Mal sollte es doch etwas anders laufen als üblich. Wie immer so ca. 07.15 Uhr wollte ich den Fussgängerstreifen im Industriegebiet überqueren. Ein Blick nach rechts, der anbrausende Wagen scheint zu bremsen, dann nach links, kein Auto in Sicht – also los! Während dem laufen noch mal kurz nach rechts geblickt und dabei mit grossen Augen festgestellt, dass dieser Wagen ja doch nicht bremst – paff!! Hätte nie gedacht, dass es diese 105 kg Kampfgewicht einmal derart durch die Luft wirbeln könnte. Den Flug erlebe ich quasi in Zeitlupe (ein komisches Gefühl im Bauch!), die Umgebung dreht sich und dann folgt der unsanfte Aufprall auf der Strasse. Den Laut, welchen ich von mir gebe, ähnelt dem des Celtic-Frost Sängers zu Beginn von fast jedem Lied – Uuh!

Sofort aufgestanden und kurz alles abgetastet. Arme und Beine scheinen in Ordnung zu sein. Ein Bisschen Blut hier, am Ellbogen und am Knie brennt es ein wenig – oh nein! Die neue Jeans ist zerrissen – hmmm etwas fehlt noch -  aber was? Ach so atmen sollte ich noch. Ich versuche einzuatmen aber das klappt irgendwie nicht so richtig. Ich laufe ein Paar Schritte, gebe noch weitere Uuh’s von mir und plötzlich ist die Atmung wieder da – Puhh! Des is güüd! In Kürzester Zeit stehen diverse Leute mit ihren Handys um mich herum die Polizei und Krankenwagen alarmieren. Einige Mitarbeiter der Firma Frey nehmen mich mit in ihre Werkstatt, denn draussen regnet es in Strömen. Ich setz mich auf einen kleinen Stuhl in der Ecke und verschnaufe einen Augenblick.

Ein paar Minuten später trifft auch schon der Krankenwagen ein. Das gleiche Team, welches schon den Ferdi bei seinem Schienbeinbruch abgeholt hat, nimmt mich in Empfang. Hallo Jeannine! Eine Klassenkollegin aus der Sekundarschule gehört zu diesem Team dazu. Es folgen allgemeine Fragen: „Wie ist euer Name? – Sir Lancelot von Kamelot! Was ist euer Begehr? – Die Suche nach dem heiligen Gral!“ Ne Moment! Das ist ja aus dem Film „Die Ritter Der Kokosnuss.“ Natürlich gebe ich meinen richtigen Namen an und versuche in etwa zu erklären, was passiert ist. Mein Chef wurde auch schon verständigt und steht neben mir. Er informiert meine Angehörigen, während sie mich auf die Trage legen. Kaum liege ich auf der Bare, kommt auch schon ein Herr von der Kantonspolizei und stellt noch mal die gleichen Fragen – irgendwie typisch oder? Frei nach dem Motto „wo waren sie zwischen 07.15 und 07.16 Uhr?“ – auf der Kühlerhaube eines Kleinwagens du Trottel! Nein Scherz beiseite. Er tut ja nur seine Pflicht.

Jetzt aber schnell in den Krankenwagen. Sie unterschätzen mein Gewicht und schaffen es im dritten Anlauf meinen Arsch in ins Auto zu hieven. Danach folgt eine Übung, die mich an eine Episode von „Wetten Dass“ erinnert. Wetten dass sie es nicht schaffen eine Infusion in weniger als 3 Versuchen zu stecken? Ich kenne niemanden dem das bis heute geglückt wäre. Beide Handrücken sind ziemlich durchlöchert aber was soll’s. Beim Autofahren wird mir immer schlecht, wenn ich hinten sitzen muss. Leider können wir die Bare aber nicht auf den Vordersitz legen und schlecht ist mir ja sowieso schon – also fuck off! Wir erreichen das Spital nach kurzer Zeit. Ich werde in die Notaufnahme gefahren und warte einen Moment. Eklig dieser Spitalgeruch und diese sterilen Räume. Dann kommt die Ärztin und untersucht mich gründlich. Drückt überall ein bisschen drauf, zündet mir mit der winzigen Taschenlampe voll in die Augen und stellt noch mal die gleichen Fragen wie das Krankenwagen-Team und der Polizist. Wenigstens sind die Fragen einfach! Juhu ich heisse immer noch Salim! Die Ärztin verschwindet kurz in den Nebenraum und macht alles für einen Ultraschall und das Röntgen parat.

In dem Moment betritt ein anderer Arzt den Raum. Er schaut mich an und sagt völlig entsetzt: „Mein Gott! Diese Nase! Die ist ja völlig krumm und platt gedrückt – was ist passiert?“ Die Nase?? Die ist so wie immer du Ratte – ich hab was am Knie, am Kinn, an den Rippen und weiss sonst noch wo aber doch nicht an der Nase! – Frechheit!!. Nachdem er sich ein paar Mal entschuldigt hat verschwindet er mit hochrotem Kopf aus dem Zimmer. Ich hab ja schon viel eingesteckt wegen meinem Rüssel aber das hatte gerade noch gefehlt.

Danach wird mein Bauch mit einer Paste eingeschmiert. Ultraschall ist angesagt. Meine Pauke macht eine gute Falle bei dieser Prozedur – sieht beinahe aus wie bei einer Schwangeren. Die Paste ist verdammt kalt und das Bild auf dem Monitor lässt mich nicht schlüssig werden ob alles in Ordnung ist oder nicht. Ich kann auch nicht erkennen ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Die Sorgenfalten der Ärztin halten sich in Grenzen, das beruhigt mich ein wenig. Erst als sie das Knie abdeckt werde ich unruhig.

„Ui!“ - Diesen Laut wollte ich nun wirklich nicht von ihr hören. Was denn?? Angeblich ist der Schleimbeutel kaputt. Hoffentlich ist nichts gebrochen. Diese Kniegeschichten sind bekanntlich sehr mühsam. Nach dem Röntgen die frohe Botschaft. Mit den Knochen ist alles in Ordnung. Nix gebrochen oder so - cool! Trotzdem muss das Knie operiert werden. Der Schleimbeutel muss raus heisst es. Ach nein doch nicht! Der Beutel wird drin gelassen und lediglich Gewebe entfernt – mir egal ihr werdet bestimmt wissen was zu tun ist. Ich werde auf mein Zimmer gefahren und warte in meinem Bett. Kurz nach dem Mittag holen sie mich und schieben mich in den Narkoseraum. Eine Teilnarkose soll es geben (grummel!) Die Spritze gibt’s in den Rücken, so dass ich von da abwärts schon nach kurzer Zeit nichts mehr spüre. Ein saukomisches Gefühl, dass ich keinem auf Dauer wünschen würde! Also ab in den OP.

Kaum ist das Bein für die Operation rasiert und ich durch eine Krankenschwester etwas beruhigt heisst es, nach etwa einer Dreiviertelstunde, auch schon: „So das war’s!“ Was schon? Das ging ja verdammt schnell – gut so. Sie schieben das Bett in den Aufwachraum (obwohl ich ja eigentlich schon wach bin – hmm irgendwie schräg). Die Füsse erwachen als erstes. Ein schönes Gefühl, wenn man die Zehen wieder bewegen kann. Als nächstes kommen die Beine. Eine Krankenschwester fragt mich, ob ich nicht das Bedürfnis hätte Wasser zu lösen (wahrscheinlich meint sie ob ich pissen muss). Nein eigentlich nicht! Sie schaut mich verdutzt an und teilt mir mit, dass meine Blase aber ziemlich voll sei. Ich soll doch mal probieren in die Flasche zu pinkeln. Also her damit. Die Flasche für einmal nicht oben sondern unten angesetzt und los – loooos – hmmm da geht gar nix. Kein Wunder, wenn der Günsel völlig ohne Gefühl einfach so in der Luft hängt. Ich nehme ihn in die Hand und stelle fest, dass der ja immer noch pennt. Als ob man einen kalten, nassen Regenwurm festhalten würde – igitt! Scheint nicht zu klappen. Die Schwester zückt einen Schlauch und schmiert ihn mit einer Art Gleitmittel ein. Moment! Was hat sie vor? Ich kann diese Frage kaum fertig denken, geschweige denn noch aussprechen, und schon hab ich den Schlauch in der Harnröhre. Das müsste jetzt eigentlich wehtun aber da das Gefühl ja sowieso weg ist, merke ich nichts. Die Flasche füllt sich von alleine und mein Bequemlichkeitsgefühl übernimmt die Oberhand. „Schnapp dir diese Paste und ein Paar dieser Schläuche“ sagt eine innere Stimme. „Dann können wir zu Hause auch nur noch laufen lassen“ – Schnauze! Du dämliche Stimme – zu Hause machen wir alles wie früher! Wieso rede ich eigentlich mit inneren Stimmen über meinen Schwanz? Die Medikamente scheinen doch stärker zu sein als erwartet! Die Schwester gibt mir die aufmunternden Worte, „es wird wahrscheinlich ein Bisschen brennen beim pinkeln, sobald das Gefühl wieder da ist“ mit auf den Weg. Ein Bisschen??? Ein Bisschen ist der Vorname von dem was mich erwarten sollte. Kommt mir später vor als ob ein Volk von Feuerameisen durch die Harnröhre wandern würde und dabei den Spermakanal kurzum in den „Brenner“ verwandelt – autsch!

Danach geht’s wieder auf mein Zimmer. Ich bin ziemlich müde und froh, dass ich alleine im Raum liege. Ein paar Stunden schlaf werden gut tun. Hunger hätte ich eigentlich auch langsam. Nachdem ich wieder aufwache gibt’s auch schon was zu futtern. Ein Weggli und einen Milchkaffe – juhu!! Ich schaue einen Match aus der zweiten Bundesliga bevor ich schon wieder einschlafe. Ca. um Mitternacht geht die Türe auf. Eine Krankenschwester kommt herein und sagt: „So Herr Zwimpfer jetzt bekommen sie lustige Gesellschaft“. Der Unterton in ihrer Stimme klingt irgendwie ironisch. Das heisst wohl nichts Gutes. Draussen im Gang rumpelt es gewaltig. Eine lallende Stimme flucht irgendwas vor sich hin. Hmm könnte die fluchende Uschi sein aber dafür ist die Stimme zu tief! Zwei weitere Schwestern betreten mit einem Typen das Zimmer. Der Kopf ist ziemlich zerschlagen, er trägt ein Shirt mit der Aufschrift „Skinhead“ und macht einen gewaltigen Radau. Ich schlafe schon kurz darauf wieder ein.
 

Als ich am nächsten Morgen erwache, meine ich geträumt zu haben. Ich schmatze vor mich hin, dreh mich zur Seite und sehe, dass ich doch nicht geträumt habe. Mein Bettnachbar ist wirklich da. Aber das mit dem Shirt hab ich im Getümmel und der Dunkelheit vielleicht doch nicht richtig gesehen. Vielleicht hiess es ja gar nicht Skinhead. Ich schau mir seine Tätowierungen auf der Brust und am Oberarm an und werde eines Besseren belehrt. Auf seinem Oberarm ist ein Soldat in Gestapo-Uniform gezeichnet. Dieser trägt einen SS-Helm und macht diese 1945er Winetou-Bewegung mit dem Arm. Ach du Scheisse! Das darf ja wohl nicht wahr sein! Zum Glück schläft er fast den ganzen Tag und gibt keine Kommentare von sich. Das wäre vermutlich zuviel gewesen. Viele Kolleginnen und Kollegen kommen mich besuchen oder rufen an, so dass ich sowieso nicht viel mit ihm zu tun habe. Die halbe Belegschaft vom Hardy’s kommt vorbei (Chefin Ruth nützt die Gelegenheit für ein paar fiese Sprüche eiskalt aus und lässt ihrem Mundwerk freien Lauf – tja da bin ich wohl selber Schuld haha!). Wir gehen auf die Terrasse um eine zu rauchen, ein Paar Jungs von EXIT kommen vorbei, die Gebrüder Burkard, Olli, Fränzi, Katja, Maggie, Rahel, Der Drumgenör mit Gaby, mein Chef und so weiter. Als die Besuchszeit schon vorbei ist betritt sogar noch der Terencius das Zimmer um sich zu informieren und ein wenig zu plaudern. Was für ein ereignisreicher Tag. Ich schaue mir den Barcelona Match an und schlafe irgendwann hundemüde ein.

Am nächsten Tag wird mein Nachbar schon früh entlassen. Bevor er geht, ruft er noch schnell die Freundin an und berichtet ihr von seinen vielen neuen Narben (kein Witz!!). Ich vermute, dass sie meinen Schleimbeutel doch entfernt, und ihm in den Kopf gepflanzt haben – anders kann ich mir das fast nicht erklären. Juhu endlich wieder alleine im Zimmer. Ich warte auf den Doktor der noch mal einen Ultraschall machen muss. Anscheinend war Flüssigkeit in der Niere zu sehen, die jetzt eigentlich wieder weg sein müsste – hoffentlich! Er setzt das Gerät an und schmiert wieder diese kalte Crème auf meinen Wanst. Er fährt ein paar Mal umher, räuspert sich, seufzt und räuspert sich wieder. Auf meine Frage was denn das Problem sei antwortet er: „Ich kann ihre Nieren nicht finden!“ Ach die! Die sind wahrscheinlich zusammen mit der Leber im Hardy’s wenn das Personal schon da war. Ich ruf da gleich mal an. Nein jetzt im Ernst – wo sind die Nieren?? Der Arzt meint, dass es manchmal bei dicken Patienten vorkommen könne, dass man die Nieren auf dem Ultraschall nicht sieht. Das ist nahe liegend. Er beteuert aber danach ausdrücklich, dass dies bei mir ja überhaupt nicht der Fall wäre – „nein, nein um Gottes Willen Herr Zwimpfer sie sind nicht dick“. Ich schau mir den Kerl genauer an und erkenne sein Gesicht wieder. Das ist doch der Typ mit dem Nasen-Spruch vom ersten Tag! Ha!! Du mieser, kleiner……

Seine Nachricht ist aber gut! Nix mit Flüssigkeit in der Niere und so. Auch sonst scheint alles so weit in Ordnung zu sein. Er fragt mich ob ich nach Hause möchte. Klar will ich!! Hurra! Er komme später noch mal mit dem Chefarzt meint er und verlässt das Zimmer. Etwa zwei Minuten später kommt ein Pfleger rein und fragt mich was für ein Menü ich am Abend gerne möchte. Oh Mann! Doch nicht nach Hause??? Einer von beiden lügt und ich würde meinen Monatslohn auf den Nasen-Sprüchler verwetten. Zum Glück liege ich bei Wetten meistens falsch und ich kann tatsächlich nach dem Mittag nach Hause.

Home sweet Home! Ich leg mich in MEIN Bett und schalte MEINEN Fernseher ein. Lege eine MEINER DVD’s in den Player und stelle mit Schrecken fest, das MEIN DVD-Player soeben den Geist aufgegeben hat – jammer! Doch nicht jetzt! Ach was soll’s Hauptsache zu Hause und einigermassen wohlauf!

Bei dieser Gelegenheit bedanke ich mich recht herzlich bei allen die vorbeigekommen sind, angerufen oder geschrieben haben (die Einträge im Gästebuch waren toll!). Schade, dass wir die Konzerte in Muttenz und in Luzern nicht spielen können! Man sieht sich aber bestimmt im 2007 wieder vor, auf, hinter und neben der Bühne.

In der Zwischenzeit allen schöne Festtage und einen guten Rutsch ins (hoffentlich für alle unfallfreie) Jahr 2007.

Up The Irons!

 

Gruess Salim

 
   

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